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Christina Schelhas

© Norman Grotegut

Christina Schelhas (*1985) studierte ab 2007 Szenische Künste an der Universität Hildesheim, 2009 wechselte sie für ein Studium der Regie zur Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Als DAAD-Stipendiatin schloss sie 2019 den Masterstudiengang Text and Performance an der Royal Academy of Dramatic Arts in London ab. Seit 2015 ist sie als freischaffende Regisseurin und Performerin tätig. Schelhas inszeniert unter anderem am Theater Bonn, Stadttheater Ingolstadt, Theater Marabu, Schaubude Berlin und entwickelt Theaterproduktionen mit ihrem Kollektiv neverending. Ihre Inszenierungen wurden für das Spielarten Festival in Nordrhein Westfalen und für die Reihe Junges Theater des NRW KULTURsekretariats ausgewählt.

Welches Thema taucht in Ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder auf?

In meinen Theaterinszenierungen bin ich immer wieder auf der Suche nach neuen ästhetischen Formen, um feministische und sozialpolitische Themen unserer Zeit zu verhandeln. Dabei stoße ich immer wieder auf Mythen, Held:innen-Geschichten und -Märchen. Mich fasziniert die symbolhafte und bildgewaltige Kraft und ich finde, dass sich die „alten“ Geschichten hervorragend als Schablone eigenen, um sich kritisch mit zeitgenössischen Fragen auseinanderzusetzen. Dabei ist es mir wichtig, sinnliche Erfahrungsräume für das Publikum zu erschaffen, Klischees und humorvoll veraltete Narrationen zu hinterfragen.

Was möchten Sie mit Ihrer kulturellen Bildungsarbeit bewirken?

Ich glaube daran, dass die politische Kraft des Theaters nicht nur im „Endprodukt“, in der Aufführung liegt, sondern ebenso in seiner Machart. Für mich ist Theater wie eine Art Experimentierlabor der Gesellschaft. Aktiv und selbstbestimmt teilzuhaben an kreativen Prozessen, kann unglaublich kraftvoll und bestärkend sein. Mit meiner kulturellen Bildungsarbeit möchte ich Freiräume schaffen, die Begegnung und Auseinandersetzung ermöglichen – mit sich selber und innerhalb einer Gemeinschaft.

Was macht für Sie eine künstlerische Intervention in der Kulturellen Bildung aus?

Für mich bedeutet künstlerische Intervention eine Erschütterung, ein Innehalten oder einen Wechsel der eigenen Perspektive. Das bedeutet, kulturelle Formate neu und umzudenken, um eine kritisch Auseinandersetzung mit sozialen Gesellschaftsstrukturen zu ermöglichen. Sich immer wieder neu zu fragen: Wie kann kulturelle Teilhabe für alle intersektional zugänglich gemacht werden? Welchen Themen und wem gebe ich Raum? Was und wer bleibt dabei unsichtbar?

Blut ist dicker als Wasser, 2015 

© Thilo Beu

Die Theaterinszenierung „Blut ist dicker als Wasser“ porträtiert vier sehr unterschiedliche Geschwisterpaare im Alter von elf bis 70 Jahren. 2015 hatte das Projekt am Theater Bonn Premiere. Basierend auf den Biografien der nicht-professionellen Performer:innen werden in spielerischen Szenen humorvoll und berührend die Beziehungen untereinander verhandelt. Die 14-jährige Karlotta berichtet über ihren Schlaganfall und die einhergehenden Folgen für sie und ihre Brüder, die Zwillinge Johanna und Katharina befinden sich im ständigen Identitätskonflikt, die Schwestern Nijole und Leonarda erzählen über den Zusammenhalt in Krisenzeiten und Jochen über das Gefühl der Einsamkeit in einer Großfamilie.

Was haben Sie aus diesem Projekt für Ihre künstlerische Arbeit mitgenommen?

„Blut ist dicker als Wasser“ habe ich am Anfang meiner Selbstständigkeit inszeniert, und die künstlerischen wie menschlichen Erfahrungen waren in vielerlei Hinsicht wichtig für mich. Vor allem habe ich gelernt, dass eine Vernetzung aus unterstützenden und professionellen Disziplinen in der Zusammenarbeit mit Laien ausschlaggebend ist. Es gab ein Team im Bereich Dramaturgie, Ausstattung und Video, welches die persönlichen Familiengeschichten der Teilnehmenden auf der Bühne in einen künstlerischen und geschützten Rahmen setzen konnte. Auch wurde die Produktion in den Spielplan des Theater Bonns aufgenommen, sodass die Teilnehmenden nachhaltig betreut werden konnten.