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Svenja Gräfen

© Paula Kittelmann

Svenja Gräfen, geboren 1990, lebt in Leipzig. Sie ist Autorin und schreibt Prosa, Essays und Drehbücher. Zuletzt veröffentlichte sie ihr erstes Sachbuch „Radikale Selbstfürsorge jetzt. Eine feministische Perspektive“ (Eden Books). 2019 erschien mit „Freiraum“ (Ullstein) ihr zweiter Roman, 2017 mit „Das Rauschen in unseren Köpfen“ (Ullstein) ihr literarisches Debüt. Darüber hinaus veröffentlichte sie in diversen Anthologien, Literaturzeitschriften und Magazinen. Für ihr Schreiben wurde sie bereits mit zahlreichen Stipendien ausgezeichnet. Von 2012 bis 2016 studierte sie Kultur- und Medienbildung mit den Schwerpunkten Literatur, Theater, Film und digitale Medien, und seit 2013 leitet sie Kurse und Workshops für Kreatives Schreiben.

Welches Thema taucht in Ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder auf?

Da ist zum einen die Auseinandersetzung mit dem Selbst: meiner eigenen Identität und Perspektive, den ihr inhärenten Privilegien als auch Diskriminierungserfahrungen. Zum anderen interessieren mich besonders in meiner Prosa das Psychosoziale, zwischenmenschliche Beziehungen und (Macht-)Dynamiken, auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Strukturen und Prägungen. Darüber hinaus ist die Improvisation für mich nicht nur ein immer wiederkehrendes Thema, sondern zugleich auch Zugang zum Schreiben und zur Sprache.

Was möchten Sie mit Ihrer kulturellen Bildungsarbeit bewirken?

Ich möchte das Bewusstsein dafür schärfen, dass Sprache nicht bloß Mittel zum Zweck ist, sondern auch mit Macht zu tun hat. Worte und Geschichten haben Macht, und es spielt ebenso eine Rolle, wer sie wie erzählt – und wer sie rezipiert. Hier sehe ich im Hinblick auf die Identitätsentwicklung als Teil kultureller Bildungsarbeit großes Potenzial zur Selbstreflexion sowie zur Selbstermächtigung. Seit der Recherche für mein zuletzt veröffentlichtes Buch spielt ohne Frage auch das Thema Selbstfürsorge eine Rolle: Kunst und Kultur nicht als Luxus, sondern als Teil einer selbstfürsorglichen Praxis.

Was macht für Sie eine künstlerische Intervention in der Kulturellen Bildung aus?

Weniger Theorie und mehr Praxis: Für mich spielt die Zugänglichkeit, das Zugänglich-Machen eine zentrale Rolle. Kunst und Kultur quasi zum Anfassen und Ausprobieren, erleb- und erfahrbar für Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen. In meinem Fall also eine Annäherung an Sprache und Literatur über das eigene Schreiben, den eigenen Ausdruck, die eigene textliche Verortung. Ein Innehalten und Hinterfragen, eine Eröffnung neuer Perspektiven durch die eigene Erfahrung – und neue Erfahrungen durch das Ausprobieren, Experimentieren und Improvisieren. Diese Erfahrungen prägen seit jeher auch meinen eigenen Zugang zum künstlerischen Schaffen.

Projekt ID – Idee & Identität, 2015

© privat

Das „Projekt ID – Idee & Identität“, durchgeführt im Jahr 2015 in Zusammenarbeit mit dem zakk Düsseldorf, war eine mehrwöchige Schreibwerkstatt für Mädchen und junge Frauen. Ziel war es, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem sie sich mit sich selbst und mit verschiedenen Textformen auseinandersetzen und davon ausgehend Wege ins Schreiben finden konnten. Wir haben uns über Feminismus und Sexismus in der Literatur ausgetauscht und darüber, inwiefern die eigene Identität und Perspektive das Schreiben beeinflussen. In Vorbereitung der Textpräsentation auf der Lesebühne haben wir uns mit Elementen aus dem Schauspiel- und Stimmtraining beschäftigt und für ein Bühnen-Performancetraining mit einer Schauspielerin zusammengearbeitet.

Was haben Sie aus diesem Projekt für Ihre künstlerische Arbeit mitgenommen?

Wie in jedem bisherigen Projekt habe ich auch in diesem einiges dazugelernt. Jeder Text, jede Stimme eröffnet mir neue Sichtweisen und Lebensrealitäten. Augenhöhe ist mir wichtig – ich denke, die Beziehung zwischen Kursleiter:in und Teilnehmer:innen sollte keine Einbahnstraße sein. Im Projekt ID haben wir alle voneinander gelernt und profitiert. Und einmal mehr habe ich aus dem Projekt mitgenommen, welche große und entscheidende Rolle sowohl der Austausch über Kunst und Kultur als auch die Vernetzung von Kunstschaffenden untereinander spielt – insbesondere unter denjenigen, die in der Literatur nach wie vor unterrepräsentiert sind: zum Beispiel Frauen, nichtbinäre und queere Personen.