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Lisa Haucke

© Nina Werth

Lisa Haucke (*1987, Herdecke) ist Tanz-Improvisationskünstlerin, Performerin, Ausstellungsmacherin und Pädagogin. Sie studierte Kunstvermittlung und Darstellendes Spiel an der Universität der Künste Berlin und der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig im B. A. und M. A., war Meisterschülerin von Candice Breitz sowie drei Jahre in Ausbildung bei Sylvia Heyden (Schulleitung T.A.N.Z. Braunschweig). 2018/2019 erhielt sie ein Stipendium im Künstlerhaus Meinersen, wo sie in ihrer Abschlussausstellung das gesamte Haus bespielte. Anschließend brachte sie Tanz als festes Unterrichtsfach für ein Halbjahr an die Waldorfschule Wolfsburg. Zuletzt war sie Hessens „Fliegende Künstlerin“: Sie bewohnte, bespielte und betanzte das von der Crespo Foundation initiierte fliegende Künstlerzimmer auf dem Schulhof der Limesschule in Idstein.

Welches Thema taucht in Ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder auf?

Ein Thema der vergangenen Jahre war für mich, Lebensorte, Tanzen und Performance miteinander zu verbinden. Bei meinem Projekt „An der Kreuzung“ in Braunschweig 2016 habe ich gemeinsam mit den an einer Straßenkreuzung lebenden und arbeitenden Menschen die Kreuzung zum Aufführungsort bestimmt – und beispielsweise in einem Bioladen, in Wohnhäusern und einem Kirchturm Installationen, künstlerische Interventionen, Videoarbeiten und Tanz realisiert. In meinem Stipendium in Meinersen habe ich sogar die gesamte Dorfgemeinschaft zum Mitmachen aufgefordert. Performances mit Menschen in einem zuvor abgesteckten sozialen Feld zu realisieren, in dem ich als Künstlerin interagiere, ist auch in meiner derzeitigen Arbeit im Fliegenden Künstlerzimmer an der Limesschule in Idstein zentral.

Was möchten Sie mit Ihrer kulturellen Bildungsarbeit bewirken?

Ich interessiere mich dafür, Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen für den Tanz, die Körperarbeit, die künstlerische Arbeit zu öffnen. Ich bin davon überzeugt, dass Tanzen als gemeinsame Sprache Menschen zueinander bringt, füreinander öffnet, dabei hilft, Vorurteile abzubauen und sensibler zu werden im Umgang mit sich selbst und mit anderen. Tanzen hat etwas sehr Friedliches, schafft Freiräume im Kopf und im Miteinander. Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass die in der Tanzpraxis verborgenen Potenziale für die Persönlichkeitsentwicklung immens sind. Diese Freiräume möchte ich Menschen ermöglichen, indem ich sie zum eigenen künstlerischen Tun anrege.

Was macht für Sie eine künstlerische Intervention in der Kulturellen Bildung aus?

Eine Intervention stößt Veränderungsprozesse an, ermöglicht Partizipation, Aneignung, Selbstreflexion. Sie ist lange geplant oder spontan improvisiert. Sie inspiriert und regt zum Dialog an, schafft Begeisterung und Erkenntnisse. Sie erfordert Vertrauen in den Dialog nach innen und nach außen. Sie kann ein überraschender Tanz auf dem Schulhof sein oder ein länger geplantes großes Aufführungsprojekt, bei dem viele Beteiligte involviert sind und ihre eigenen Themen mit einbringen oder mit neuen Themen konfrontiert werden. Die Intervention gibt die Erlaubnis, etwas anders zu denken und zu machen, als es der gängige Ablauf, zum Beispiel in einer Institution, sonst erfordert – und bringt diesem zugleich Respekt und Wertschätzung entgegen.

Papierflieger fliegen, 2020

© Nina Werth

Meine Zeit als Fliegende Künstlerin an der Limesschule Idstein startete ich mit einem Performance-Auftakt, der in der von mir gewählten formalen Setzung das gesamte Schuljahr strukturierte. Dazu rief ich alle an der Schule Beteiligten auf, einen Wunsch für das Schuljahr auf einem Papierflieger zu notieren und diesen auf den Schulhof segeln zu lassen. Anschließend wurden drei der Flieger in einer Tanzperformance von mir und meinen Performance-Kolleg:innen ausgelost und jeweils ein Datum per Zufallsprinzip ermittelt, wann ich diesen Wunsch im Laufe des Jahrs mit weiteren Kunst-Aktionen erfüllen würde. Die Papierflieger wurden eingesammelt und mit den Schüler:innen ausgewertet, kategorisiert, geschreddert und neu geschöpft. Dann wurde ein Buch mit den darin enthaltenen Wünschen daraus gebunden, welches in den Präsenzbestand der Schulbibliothek übergeht.

Was haben Sie aus diesem Projekt für Ihre künstlerische Arbeit mitgenommen?

Inspirierend für die künstlerische Arbeit war, dass ich als Gast an der Schule zugleich Gastgeberin des Künstlerzimmers war. Dass das Fliegende Künstlerzimmer dabei nicht nur zum „dritten Pädagogen“, sondern auch zu einem künstlerischen Partner werden kann, war eine tolle Erfahrung. Die Aktion „Papierflieger fliegen“ hat mir gezeigt, dass ich als Künstlerin die Möglichkeit habe, die Stimmen vieler zu bündeln, Schule als ein soziales Feld mit künstlerischen Mitteln zu beleuchten und durch das Setzen von Rahmungen kleine wie größere Teilprojekte zu realisieren. Das schafft nicht nur Strukturen, sondern es kann alltägliche auch verändern. Mit dem Buch kann ich der Schulgemeinschaft etwas zurückgeben – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit von Projekten in der Kulturellen Bildung.